[Literatur] Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung

von Hartmut Rosa (2020) 1

Eine Buchbesprechung von Mirjam Buchmann.

Das neuste Werk des Soziologen Hartmut Rosa schliesst an seine früher erschienenen Bücher «Beschleunigung» und «Unverfügbarkeit» an. Es nimmt für sich in Anspruch eine Soziologie der Weltbeziehung zu bieten. Für die Selbstorganisation ist es deshalb interessant, weil er die These vertritt, dass es eine strukturelle, kontrollierte, reichweitenvergrössernde Weltbeziehung braucht, um die Mittel für eine Anverwandlung der Welt und damit eine Resonanzerfahrung, die spontan auftreten kann und als gelingendes Leben definiert wird, bereitstellen zu können. Rosa sieht im unablässigen Steigerungszwang der modernen Gesellschaft die Balance zwischen den beiden Polen jedoch stark gestört. Die Möglichkeit von Resonanzerleben wird durch übermässige Kontrolle aller Aspekte des Lebens unbarmherzig minimiert. Seine Schlüsse lassen sich auf die Grundsätze der Selbstorganisation übertragen und als Argumentation dafür nutzen, ohne dabei deren Gegenentwurf nur zu verteufeln.

Rosa stützt seine These mit vielen Verweisen auf andere Disziplinen, insbesondere Querverweise auf Kunst und Kultur und er stellt sehr viele Bezüge zu bekannten Namen her wie Marx, Durkheim, Foucault, Rancière, Habermas, Taylor, Freud, Schulze, Hegel, Bandura, Honneth, Sennett, Marcuse, Adorno, Mereau-Ponty, Bourdieu, Lukàcs, Gadamer, Giddens, Luhmann, Arendt, Simmel, Weber, Nussbaum, Everett, Sloterdijk, Houellebecq, Schopenhauer, Kierkegaard, Nietzsche und Fromm.

Das Buch ist 766 Seiten stark und in bester soziologischer Manier manchmal etwas langfädig und wiederholend. Immer wieder vermag es aber zu packen und für solche, die bereit dafür sind, Resonanz zu erzeugen. Wem das Buch zu dick ist, dem sei «Unverfügbarkeit» empfohlen. Es behandelt einen Aspekt der Resonanz und ist leichter zu lesen.

Ich würde dem Buch 8 von 10 möglichen Punkten geben!


Ausschnitte aus dem Inhalt bezogen auf die Selbstorganisation

In der modernen Gesellschaft eskaliert der Steigerungszwang exponentiell, so Rosas Ausgangslage. Dies betrifft alle Gebiete (zb. Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, wie auch Kunst und Literatur). Die optimierte Gesellschaft erfasst alle Individuen und dringt in alle Bereiche des Lebens und der Welt vor (Mikrobiologie, Astrologie, Gentechnik etc.). Ökonomisches Wachstum löst jedoch irgendwann die sozialen Probleme nicht mehr und untergräbt die eigenen Grundlagen in Form von ökologischen Ressourcen und bedingt psychische Probleme. Die Nivellierung und das Messen von Qualität macht die Welt berechenbar, beherrschbar, verstehbar und damit verfügbar. Die radikale Verdinglichung der Welt manifestiert sich in zerstörter Natur und erschöpften Menschen.

Menschen reagieren panisch auf die Möglichkeit einer kompletten Verstummung der Weltbeziehung. Sie setzen alles dran, sich die Welt verfügbar zu halten. Dafür muss sie unter Kontrolle gebracht werden. Resonanzverlangen werden auf später in die Freizeit abgeschoben. Menschen brauchen Resonanzerwartungen für die Zukunft, sind jedoch bereit die Einlösung immer und immer wieder aufzuschieben (zb. «ich arbeite hart, dass ich dann im Alter mein Leben geniessen kann»). So rücken Resonanzversprechen in immer weitere Fernen und können als niemals erreichbare Motivatoren eingesetzt werden (Ziel von Marketing und Konsumangeboten).

Arbeit gilt als primäre Resonanzsphäre für moderne Menschen. Arbeitnehmende erwarten eine Arbeit, die sie anspricht, in der sie selbstwirksam werden können. Darin liegt aber die Gefahr diesen Anspruch zu instrumentalisieren, die Resonanzsuche als Strategie für Reichweitenvergrösserung zu missbrauchen. Mit Bezug auf Marx verliert Arbeit als Lohnarbeit für Profitsteigerung ihre resonanzstiftende Qualität auf allen Beziehungsebenen. Das betrifft in der heutigen Gesellschaft neben der Arbeit, auch die Freizeit, die Familien oder auch das Verhältnis zum eigenen Körper. Alles kann verdinglicht werden und in einem Selbstoptimierungszwang enden.

Resonanz ist der Beziehungsmoment einer Antwortbeziehung zwischen Menschen oder auch Dingen oder der Welt (bspw. als Sonnenuntergang), die mit einer eigenen Stimme sprechen bzw. sich auf eine eigene Art von den anderen unterscheidet. Dieser Unterschied, zum Beispiel in der Form von Widerspruch ist ein festes und wichtiges Element für Resonanzerfahrung. Denn diese kann nur freiwillig und unerwartet, aus der Unverfügbarkeit heraus, entstehen. Individuell dafür bereite Menschen öffnen sich und es wird ihnen geantwortet. Aus Resonanzen entsteht eine Weltbeziehung.

Teile eines umfassenden Gegenentwurfs, um die unaufhaltsame Steigerungsdynamik auf ein gesundes Mass zurückzubinden, beinhalten eine Wirtschaftsdemokratie in einer Postwachstumsgesellschaft, das bedingungslose Grundeinkommen und die Umorientierung in täglichen Handlungspraktiken von unten herauf. Wenn Menschen die Unfreiheit und die Beziehungslosigkeit ihrer Situation bemerken, können sie versuchen, diese zu überwinden und spontan mit der Welt in Beziehung zu treten. Jeder Mensch kann bei sich selber ansetzen, in dem er für unerwartete Resonanzbeziehungen offen ist und diese erlebt.

Meine Highlights

Die Ausführungen zu der aufgeschobenen Belohnung, der Bedeutung von Freiwilligkeit, dem innovativen Charakter von Fehlern (von Rosa nur indirekt angesprochen), und dem Faktor Zeit erscheinen mir, auch hinsichtlich ihrer Bedeutung für die Selbstorganisation, besonders interessant.

Die aufgesparten Resonanzversprechen erwarten Menschen der modernen Gesellschaft in Resonanzoasen erfüllt zu bekommen. Dafür sind Erlebnisorte reserviert wie Theater, Konzerte, Candlelightdinner, Weihnachten, Sonnenuntergänge. Resonanz tritt jedoch nur ein, wenn sie auch nicht eintreten könnte. Ihr spontanes Aufscheinen in Situationen macht sie so wertvoll. Sie ist nicht kontrollierbar. Das Recht auf Resonanzverweigerung gilt auch für die beteiligten Menschen als ein elementares Menschenrecht und dient zur Erhaltung dieser Unverfügbarkeit.

Die Fähigkeit zur Resonanz setzt Offenheit voraus. Damit einher geht gleichzeitig eine Verletzbarkeit. Resonanz kann nur in einer sicheren Umgebung geschehen. Sie stellt sich dann unerwartet ein, zeigt sich in Rissen und Brüchen des gesellschaftlichen Denkens, Handelns und Erlebens. Menschen können innovativ sein, wenn sie Fehler machen können und dürfen.

Die Etablierung von Resonanzbeziehungen braucht Zeit. Zeit ist jedoch das, was uns immer weniger zur Verfügung steht.

Mein Fazit

Das Buch scheint die Schlüsse aus dem hier von Urs Kägi bereits besprochenen Buch von Bregman «Im Grunde gut» zu ergänzen. Es verfolgt dabei aber das umfassendere Ziel, Erklärungen für die Krise der Moderne auf einer Metaebene anzugehen. Unter «Moderne» fasst Rosa alle Gesellschaften, die dem Zwang unterliegen, sich ständig dynamisch steigern zu müssen und dabei wie der Esel der Rübe ewig unerreichten Resonanzversprechen nachzujagen. Es ist ein Systemproblem, das aber von jedem einzelnen Individuum durch eigenes Resonanzerleben angegangen werden kann. So bleibt die optimistische Botschaft ein Ausweg aus diesem skizzierten Teufelskreis finden zu können. Die Grundhaltung der Selbstorganisation bietet eine gute Ausgangslage für mehr Resonanzerfahrungen.

Freudiges Lesen!

Mirjam Buchmann

Basel, den 21. Mai 2020

  1. Rosa, Hartmut (2020). Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp Verlag.

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Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW

Während rund 15 Jahren arbeitete Frau Buchmann in unterschiedlichen stationären Institutionen (Beobachtungsstation, Massnahmezentrum, Schulheim, Kinderheim, Schulbegleitung) und absolvierte verschiedene Weiterbildungen (Praxisausbildung, Phaemoberatung/Gewaltberatung). Momentan befindet sie sich im Masterstudium an der FHNW Olten, Soziale Arbeit, Schwerpunkt Innovation. Studiumsbegleitend ist sie als wissenschaftliche Assistentin im Institut ICSO (Sozialmanagement, Coaching und Beratung) tätig.

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