[Artikel] Das Waschküchenschlüssel Phänomen. Selbstorganisation – ein universelles Modell?


Ich höre immer gerne Jos de Blok zu. Er erzählt so wunderbar, wie er damals die ersten Gedanken zu Buurtzorg hatte – seine Motivation, seine Treiber, sein Engagement und vor allem seine persönliche Sinnsuche. Er ist mein Role Model, wenn ich erklären möchte, was genau „purpose driven“ bedeutet. Doch bei einem Punkt bleibe ich bei ihm immer hängen: Bei meiner ersten Begegnung mit ihm fragte ich ihn, ob er glaube, Selbstorganisation sei ein universelles Modell, das für alle Menschen jedweder Rolle in einer Organisation funktionieren würde. Jos war – und ist es wahrscheinlich immer noch – der festen Überzeugung, dies sei so. Die Unternehmensgrösse von Buurtzorg in den Niederlanden mit mittlerweile über 10.000 Mitarbeiter*innen lässt darauf schliessen und gibt ihm auch auf gewisse Weise recht. Aber und obwohl ich ebenfalls ein glühender Verfechter von Modellen der Selbstorganisation bin: Ich bin da eher skeptisch. Was ist mit denjenigen, die bei der Sinnsuche auf der Strecke bleiben? Oder mit denjenigen, die gar nicht selbstorganisiert arbeiten möchten?

Um meine Skepsis zu begründen, erzähle ich eine wahre und erlebte Geschichte aus meinem direkten Umfeld.

Das Waschküchenschlüssel Phänomen

Ich wohne in Basel in einem normalen Mietshaus mit 10 Mietparteien. Es handelt sich um ein typisches Haus für sogenannte Einpersonenhaushalte. Wie in der Schweiz üblich gibt es eine Waschküche mit einer Waschmaschine und einem Trockner. Bislang konnte diese selbstorganisiert genutzt werden. Ein einfaches Rechenexempel zeigt, wie effektiv und effizient diese selbstorganisierte Waschküche ist.

Jede Mietpartei kann die Waschküche nutzen, wann immer sie frei ist. Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir nur von Montag bis Freitag in der Zeit von 8-18 Uhr waschen wollen, um die Lärmbelästigung in Grenzen zu halten. Im Durchschnitt dauert der Waschvorgang ca. eine Stunde; das Trocknen mit dem Trockner ebenfalls (Nebenbemerkung: Ich benutze den Trockner nie, weil ich das für unnütze Energieverschwendung halte).

Gehen wir von einem wöchentlich einmaligen Waschbedarf aller Mitbewohnenden aus, dann beträgt die wöchentliche Nutzungszeit der Waschmaschine genau 10 Stunden. Für mich bedeutet das zweierlei: erstens – ich muss im Extremfall 9 Stunden warten, wenn alle Mitbewohner*innen vor mir waschen wollen und zweitens: ich habe insgesamt 41 Stunden potentielle Waschzeit zur Verfügung. Das klingt ja schon mal super und sehr effizient. Das ist Selbstorganisation im besten Sinne.

Und obwohl das alle im Haus toll finden und den Sinn dahinter sehen, lassen Debbie und Urs (Namen geändert) ihre Wäsche oft in der Maschine liegen – manchmal sogar tagelang – warum auch immer. Das führt verständlicherweise zu Ärger bei allen anderen. Trotz feiner und helvetisch höflich vorgetragener Beschwerde tritt eine Verhaltensänderung bei Debbie und Urs höchstens kurzfristig ein und ist nie von langer Dauer.

Also – Ein Waschküchenschlüsselplan muss her.
Dieser sieht vor: Jede Mietpartei bekommt ein festes Zeitfenster für die Nutzung der Waschküche. Der Waschküchenschlüssel wird mehr oder eher weniger feierlich jeweils an die nachfolgende Wohnpartei übergeben. 10 Mietparteien lassen sich rechnerisch leicht auf 5 Vor- und Nachmittage verteilen. Ich habe nun den Mittwochvormittag zur Waschverfügung. Statt vorher potentiell 41 Stunden habe ich nur noch 5 Stunden Zeit, um meine Wäsche zu waschen. Und am Mittwochvormittag kann ich häufig nicht, weil ich da an der FH ein Seminar zur Selbstorganisation gebe. Also muss ich mit meinem Nachbarn – das ist ausgerechnet Urs – tauschen. Keine Regel ohne Ausnahme – auch nicht beim Waschplan.
Nun aber ist alles geregelt, alles ist organisiert, jede*r weiss Bescheid und:
Alle sind unzufrieden.

Was nehme ich aus dieser Geschichte für meine Beratertätigkeit mit?

  • Selbstorganisation braucht einen festen Rahmen.
  • Selbstorganisation ist höchst effizient und effektiv, wenn sich alle im gemeinsam vereinbarten Rahmen bewegen.
  • Schert nur eine oder einer aus, führt dies zu Problemen. Das System ist anfällig für Störungen.
  • Die klassische (hierarchische) Organisationsform ist effektiv, aber nicht unbedingt effizient.
  • Und: am Ende sind alle unzufrieden, obwohl es – weil weniger störanfällig – funktioniert.

Was wohl Jos dazu sagen würde? Ich werde ihn mal fragen und berichte dann.

Prof. Dr. Peter Zängl (Alle Beiträge sehen)

Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW

Schwerpunkte: Arbeits- und Organisationssoziologie, Sozialmanagement, Social-Impact-Modell, Zivilgesellschaft, Entscheidungen in Organisationen.

https://www.fhnw.ch/de/die-fhnw/hochschulen/soziale-arbeit/institute/institut-beratung-coaching-und-sozialmanagement

4 Gedanken zu “[Artikel] Das Waschküchenschlüssel Phänomen. Selbstorganisation – ein universelles Modell?”

  1. Hallo Peter, vielen Dank für das Teilen deiner Geschichte. Selbstorganisation scheint an der Grenze zum, hoffentlich humorvollen, Scheitern beheimatet zu sein, wenn die Beteiligten nicht gleichzeitig der (Weiter-) Entwicklung ihrer Haltung Aufmerksamkeit schenken. Haltung entscheidet, so die These von Martin Permantier. Das trifft wohl auch auf die selbstorganisierte Nutzung der Waschküche zu.

    1. Lieber Peter,

      Vielen dank für den Einblick in deine Waschküche, meine funktioniert sehr ähnlich (vor den Regelungen). Wenn du mich fragst ist dieser Fall der Waschküche (vor der Einführung der Reglungen) eher Anarchie als Selbstorganisation? Selbstorganisation bedingt doch schon noch eine Minime Menge an Organisation und Abstimmung, bei der Waschküche ist es nicht organisiert/geplant, jeder schaut für sich, man schaut nicht aufeinander. Bei uns läuft es auch so. Wir haben 1 älteren Mann im Haus der sich in einem Kalender eintragt, der an der Tür der Waschküche hängt, der Rest des Gebäudes wäscht dann wenn frei ist, und teilweise auch, wenn sich der Mann eingetragen hat… Es ist ein Pro Forma Kalender, der nicht beachtet wird, aber dem Mann ein Gefühl von Sicherheit gibt. Und wenn Wäsche drin ist gibt es unterschiedliche Strategien. 1) warten 2) rausnehmen 3) alle Wohnungen von oben bis unten durchklingeln. Ich bevorzuge Strategie 1 gefolgt von 2 bei zu langer Wartezeit, mein Mitbewohner 1) und dann 3).

      Bin gespannt was du meinst!

      LG,

      Rhea

      1. Hallo Rhea und Peter,

        Vielen Dank für eure E-mail. Meine Waschküche/Trockenraum funktioniert auch so von den Regelungen her (Selbstorganisation). Die Zeiten sind vom ersten Stock in unserem Whatsapp Nachbarschat durchgegeben worden, denn sie hören den Lärm (7 bis 22 Uhr, jeden Tag). Ich finde jedoch nicht unbedingt, dass es eine Art Anarchie ist, denn wir organisieren uns schon… sehr indirekt.

        Das Rausnehmen: wer nicht schnell genug seine Wäsche rausnimmt, dem wird die Wäsche rausgenommen.

        Das “Reservieren“: Falls jemand am waschen ist, und man unbedingt noch waschen muss, kann man den Wäschekorb auch in der Wäscheküche platzieren um zu signalisieren, dass man als Nächstes waschen möchte. So weiss die waschende Person, dass jemand wartet und achtet eventuell darauf nicht 4 Wäschegänge einzulegen. Andere die auch Waschen wollen, sehen schon beim Betreten der Wäscheküche, dass man es besser am nächsten Tag versuchen soll.

        Es gibt zwei Ausnahmefälle bei uns. Wir haben ein Geschäft im Haus. Die Coiffeuse wäscht bevorzugt Donnerstag morgens von 8:00-12:00. Weil sie uns entgegenkommt und nicht darauf besteht, es schriftlich festzulegen, schauen wir, dass wir diesen Zeitblock für sie mehr oder weniger freihalten. Dann gibt’s noch einen Mann, der 100% arbeitet und seine Wäsche an Bestzeiten (Mo-Fr ab 19:00, ganztägig Samstags) tendenziell liegen lässt, aber es auch nicht mag, wenn andere seine Wäsche anfasst. Er hat sich einen Schlüssel für die Wäscheküche (welches auch als Trocknungsraum benutzt wird) von der Verwaltung besorgt und schliesst es 24h ab. Man muss klingeln gehen, um zu schauen ob er zuhause ist, damit er aufschliessen kann. Meine Idee an der Waschmaschine einen Zettel wie z.B. “bitte nicht anfassen und bei mir klingeln” aufzuhängen, damit alle den Trocknungsraum jederzeit betreten könnten, findet er nicht gut. Er ist unbeliebt, wird aber geduldet… denn “first come, first serve” als Wäscheplan hat seine Vorteile!

        liebe Grüsse
        Mia

      2. Liebe Rhea, liebe Mia

        Das freut mich ja sehr, dass ihr mir auf die kurze Waschküchenschlüsselgeschichte schreibt.

        Ja, die Wäsche.. Für mich war das als Nicht-Schweizer sehr neu mit diesem Schlüssel. In meiner ersten Wohnung in Basel war das fast ein kleines Heiligtum. Und die Waschküche war immer blitzeblank!!!

        Was ich eigentlich damit ausdrücken wollte ist, dass Selbstorganisation eben nicht anarchisch sein darf, sondern dass es auch da feste Regelungen braucht. „Es“ organisiert sich eben nicht „von selbst“. Ihr beschreibt das ja auch treffend. Ein Kollege schrieb mir auch, ich soll die Wäsche doch einfach rausnehmen, wenn sie tagelang drin wäre. Hatte ich auch überlegt, will aber nicht in „fremder Wäsche wühlen“. Zumal ich ja die waschenden Personen kenne. Ich erspare euch Details. Ich finde die Idee super mit dem Zettel „bitte nicht anfassen sondern klingeln“. Vielleicht wäre das der richtige „Work-around“.
        Wie auch immer: Vielen Dank für euere Gedanken dazu. Ich habe mich sehr darüber gefreut. Und ich überlege jetzt, wie ich mit meiner Wäsche weiter verfahren werde. Derzeit bin ich ja in Kiel im HomeOffice. Da habe ich eine eigene Waschmaschine 🙂

        Danke nochmal und habt ein schönes Wochenende
        Liebe Grüsse
        Peter

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