Von Christoph Minnig, Vorstand Netzwerk Selbstorganisation und Dozent am Institut für Nonprofit- und Public Management der FHNW

Mit „Situationen und Konstellationen – Vom Verschwinden des Spielraums“ (2026, Suhrkamp) legt Hartmut Rosa ein sehr anregendes Buch vor – besonders für Leserinnen und Leser, die sich mit Selbstorganisation und partizipativer Führung beschäftigen. Zwar steht Selbstorganisation nicht im Zentrum seiner Analyse, doch Rosa liefert eine fundierte gesellschaftspolitische Perspektive, die genau diesen Debatten neue Tiefe verleiht.
Im Kern beschreibt Rosa eine Entwicklung, die viele aus ihrem Arbeitsalltag kennen dürften: Situatives, eigenverantwortliches Handeln wird zunehmend durch Regeln, Standards und technokratische Systeme ersetzt. Seine zugespitzte Diagnose: Wir entwickeln uns „von Handelnden zu Vollziehenden“. Die Folgen sind spürbar – Kreativität, Eigeninitiative und das Gefühl von Selbstwirksamkeit geraten unter Druck.
Wie stark sich Handlungsspielräume bereits verengt haben, macht Rosa mit anschaulichen Beispielen deutlich: Ärztinnen und Ärzte verbringen immer mehr Zeit mit Dokumentation statt mit Patientinnen und Patienten. Im Fussball schränkt der Video Assistant Referee die Entscheidungsfreiheit der Schiedsrichter ein. Und in bürokratischen Systemen wird es für Hilfesuchende oft unnötig kompliziert, Unterstützung zu erhalten. Die Parallelen zur Arbeitswelt liegen auf der Hand: Wo Mitarbeitende vor allem Prozesse abarbeiten, leiden Motivation, Entscheidungsqualität und die Energie von Teams.
Gerade für Organisationen, die auf Selbstorganisation setzen, ist das eine zentrale Beobachtung. Rosa zeigt, dass Handlungsspielräume keine nette Ergänzung sind, sondern eine entscheidende Voraussetzung für Motivation, Lernfähigkeit und Engagement. Urteilskraft und Empathie entstehen dort, wo Menschen Entscheidungen treffen und deren Wirkung erleben können. Strukturen und Regeln bleiben wichtig – doch sie dürfen nicht so starr werden, dass sie die situative Kompetenz von Mitarbeitenden ersticken. Gute Zusammenarbeit entsteht dort, wo Menschen Resonanz erfahren und erleben, dass ihr Handeln etwas bewirkt.
Zum Ende hin richtet Rosa den Blick nach vorn. Er plädiert dafür, Handlungsspielräume wieder bewusst zu stärken – im Berufsleben ebenso wie im Privaten und über alle Altersgruppen hinweg. Dabei greift er auf zwei weniger bekannte Konzepte zurück: Jugaad aus Indien und Jeitinho aus Brasilien. Beide stehen für kreative, pragmatische Wege, innerhalb starrer Strukturen Lösungen zu finden. Während Jugaad improvisierte Problemlösungen unter knappen Ressourcen beschreibt, meint Jeitinho informelle, oft sozial vermittelte Strategien im Umgang mit Bürokratie. Für Rosa sind diese Beispiele ein Hinweis darauf, dass Spielräume selbst in engen Systemen entstehen können – wenn Menschen sie aktiv nutzen.
Trotz einiger philosophischer und stellenweise anekdotischer Passagen ist Rosas Buch gut lesbar und regt zum Nachdenken an. Es rückt die menschliche Dimension von Organisation und Entscheidungsfreiheit in den Mittelpunkt und lädt dazu ein, eigene Handlungsspielräume zu reflektieren und bestehende Strukturen kritisch zu hinterfragen.
Für Führungskräfte, Teams und Organisationen, die neue Formen der Zusammenarbeit erproben, lässt sich Rosas zentrale Einsicht klar zusammenfassen: Handlungsspielräume, Urteilskraft und situative Freiheit sind kein Luxus – sie sind die Grundlage für lebendige, resiliente und leistungsfähige Organisationen.












































Im Gespräch zwischen Urs Kaegi und Peter Zängl gehen wir der Frage nach, was die Publikation von Frederic Laloux vor bald 10 Jahren bewirkt hat. Ob es diesen Ansatz überhaupt braucht, was die Gründe für eine Veränderung sein können, wie sich die untersuchten Organisationen weiterentwickelt haben, was PionierInnen mit dem Ansatz zu tun haben, über die verschiedenen Ansätze der Selbstorganisation und wie man einen Prozess in Richtung Selbstorganisation am besten startet
PurpLeLab
Am 2.-4. Dezember 2024 startet der erste Durchlauf des PurpLeLab, die Weiterbildung des NetzwerkSelbstorganisation für Führungskräfte: In einer Welt, die sich ständig wandelt, erkennt das PurpLeLab, ein neu gegründetes Bildungsangebot für Führungskräfte, die Notwendigkeit, auch das Lernen neu zu definieren. Unser Ziel ist es, auf Basis der Selbstreflexion, Wissen zu Selbstorganisation zu vermitteln und die Beziehung der Teilnehmenden zu ihrer Führungsrolle in ihrem Unternehmen und allgemein zur Welt zu hinterfragen.
Interview mit Katrin Loder, Carbotech AG, Umweltprojekte und Beratung, Basel/Zürich
Carbotech AG wurde 1987 gegründet und führte im 2019 Holokartie ein. 2016 begann bereits der Change-Prozess, nachdem die Gründer sich nach über 30 Jahren aus der Führung zurückgezogen haben. Wie dieser Prozess startete («Holo-was?»), dann verlief, wo Carbotech AG heute steht, ob man externe Unterstützung braucht und wie es sich heute arbeiten lässt («Carbo-Style»), in einer Organisation, die allen Mitarbeitenden gehört, erfährst du im spannenden Video mit Katrin.
In seinem Artikel entdeckt Pascal Miserez bei der ständigen Suche nach dem idealen Arbeitsmodell eine Paradoxie, die tiefer reicht als die blosse Organisation von Arbeitsabläufen. Sie berührt die Grundfesten unserer Vorstellungen von Autonomie, Freiheit und Verantwortung. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Debatte um Selbstorganisation und Selbstüberlassung – ein Thema, das nicht nur wirtschaftliche, sondern auch tiefgreifend philosophische Dimensionen eröffnet.
In dieser Mehrblicksession mit der zertifizierten Soziokratie- und Gewaltfreien Kommunikationstrainerin Kathrin Schmitz war das Thema, wie sich Empathie anfühlt und wie ein Fokus auf Anliegen und Bedürfnisse unsere Empathiefähigkeit stärken kann. Wir haben mit Kathrin mal wieder eine praxisorientierte Session erlebt, die sich insbesondere anFührungskräfte und Mitarbeitende, an Moderator*innen und „Moderierte“ und an all diejenigen gerichtet hat, die anderen gerne konstruktiv und ehrlich Feedback geben wollen.
Bernard DuPasquier hat vor seiner Arbeit bei HEKS viele Jahre bei Brot für Alle gearbeitet und war bereits dort massgeblich an der Einführung von selbstorganisierten Elementen beteiligt. HEKS, das Hilfswerk der evangelisch-reformierten Kirche Schweiz, unterstützt in über 30 Ländern Projekte der Entwicklungszusammenarbeit zur Bekämpfung von Armut und Ungerechtigkeit. HEKS ist eine gemeinnützige, ZEWO-zertifizierte Stiftung und beschäftigt in der Schweiz und im Ausland über 400 festangestellte Mitarbeitende.
Am Mittwoch, 4. Oktober 2023 war Ralf Metz bei uns zu Gast. Während viele Menschen die Soziokratie und auch die Holokratie kennen, ist die kollegiale Führung im Verhältnis deutlich weniger bekannt. Sie ist aber aus einer Vielzahl an Gründen eine ernsthafte Alternative zu den oben genannten Kreisorganisationen.