[Artikel] Wie (un)politisch ist die Selbstorganisation?


Ein Blick in die Literatur zum Thema Selbstorganisation und auf die Seiten des Netzwerkes Selbstorganisation zeigt: Die überwiegende Anzahl der Publikationen und der Beiträge beschäftigt sich mit Handlungs- und Gebrauchsanleitungen. Meistens geht es dabei um die beiden Fragen:
• Wie gestalte ich den Übergang von einem klassischen hin zu einem selbstorganisierten Unternehmen?
• Welche Tools, Tips und Tricks gibt es für die Arbeit in einer Selbstorganisation?

Vordringliches Interesse der Selbstorganisation scheint demnach die Optimierung zu sein: die Selbstoptimierung des/der Einzelnen innerhalb der Organisation (Mikroebene) und die Optimierung der organisatorischen Abläufe (Mesoebene). Das ist gut und auch wichtig. Vor allem das Netzwerk bringt hier konstruktive Beiträge, wie die Rückmeldungen und die Beteiligungen an den Veranstaltungen eindrucksvoll zeigen.
Fragen aber, die kaum bis gar nicht gestellt werden, beziehen sich auf mögliche Wechselwirkungen zwischen unserer Arbeit und unserem Leben in- und ausserhalb der Organisation. Beeinflusst die Art und Weise, wie wir in Organisationen arbeiten, unsere Einstellungen und unser Verhalten in
• unserem privaten Leben,
• unseren politischen Einstellungen,
• unserem Wunsch nach einer gerechten Wirtschaftsordnung?
Oder ist die Wahl der jeweiligen Organisationsform gänzlich unpolitisch?

Wir glauben nicht. Mani Matter dichtete 1970 „Dene wos guet geit, giengs besser, giengs dene besser, wos weniger guet geit…“. Er beschrieb damit eine Grundproblematik unserer gegenwärtigen Wirtschaftsordnung. Die Schere zwischen Arm und Reich geht stetig weiter auf. Laut einer Studie der Organisation Oxfam liegt in den Händen des reichsten Prozents der Weltbevölkerung mehr Vermögen als die übrigen 99 Prozent besitzen. Auch in der Schweiz ist das Vermögen ungleich verteilt: Hier besitzen die reichsten zehn Prozent 72,4 Prozent des Vermögens. Die kapitalistische Wirtschaftsordnung mit ihrem Slogan „geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut“ – so titelte 2017 die österreichische Wirtschaftskammer – produziert Ungleichheit. Der Glaube an stetiges Wachstum wird durch das Gewahrwerden knapper und endlicher Ressourcen erschüttert. Ein immer höheres Produktivitätsniveau, bedingt vor allem durch den technischen Fortschritt, vergrössert die Kluft zwischen denen, die die Technik beherrschen und denen, die durch die Technik überflüssig werden. Die bestehende Wirtschaftsordnung und die ihr zugrundeliegenden Denk- und Werthaltungen scheinen nur eingeschränkt in der Lage zu sein, die negativen Folgen insbesondere sozialer Ungleichheit zu bewältigen.

Vor diesem Hintergrund: Müssen – oder zumindest sollten – wir uns daher nicht auch im Netzwerk Selbstorganisation die Frage stellen:
Wenn der Kapitalismus insbesondere in seiner neoliberalen Ausprägung zu solchen Verwerfungen führt, wie können Modelle der Selbstorganisation einen Einfluss auf nachhaltige Lebensverhältnisse bis hin zu alternativen Wirtschaftsmodellen haben, bzw. diese entwickeln und implementieren?

Um uns dieser Frage zu nähern, haben wir vier Thesen aufgestellt, die wir gerne im Netzwerk diskutieren möchten:

These 1
Die Motive zur Einführung von Modellen der Selbstorganisation bewegen sich zwischen den Extremen der Gewinnmaximierungsinteressen der Unternehmensleitung und dem Wunsch/ der Sehnsucht einer sinnerfüllten Arbeit der Mitarbeitenden. Selbstorganisation funktioniert aber nachhaltig nur dann, wenn das Tun als sinnstiftend erkannt und verinnerlicht wird.
These 2
Die Organisationsform von Unternehmen (For- und Nonprofitunternehmen) beeinflusst das Handeln (Mikroebene) innerhalb und ausserhalb der Organisation in Wirtschaft, Politik, Soziales, Kultur der Gesellschaft (Makroebene).
These 3
Selbstorganisation und alternative Wirtschaftsformen (z.B. Wirtschaftsdemokratie, Gemeinwohlökonomie u.a.) haben ähnliche Prinzipien und bilden zumindest eine hinreichende Bedingung füreinander.
These 4
Die politische Rahmensetzung (Gesetze, Normen, Vorstösse etc.) beeinflussen die Wahl des Organisationsmodells und demnach auch die Gelingens- wie Scheiternsbedingungen für die Umsetzung alternativer Wirtschaftsmodelle.

Im Kern geht es auf allen Ebenen – beim individuellen Handeln (Mikroebene), bei der Organisationsform (Mesoebene) wie auch bei der Wirtschaftsordnung (Makroebene) – um soziale Gerechtigkeit. Soziale Ungleichheit soll abgebaut, vielleicht sogar verhindert werden – ganz im Sinne von Mani Matters Fragestellung: Es geht dann allen besser, wenn es denen besser geht, denen es nicht so gut geht.

Das würden wir gerne mit euch diskutieren und freuen uns über jeden Kommentar und jede kritische Anregung.

Prof. Dr. Peter Zängl (Alle Beiträge sehen)

Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW

Schwerpunkte: Arbeits- und Organisationssoziologie, Sozialmanagement, Social-Impact-Modell, Zivilgesellschaft, Entscheidungen in Organisationen.

https://www.fhnw.ch/de/die-fhnw/hochschulen/soziale-arbeit/institute/institut-beratung-coaching-und-sozialmanagement

Beda Baumgartner (Alle Beiträge sehen)

Anny-Klawa-Morf-Stiftung

Projektleiter Bildung und Angebotentwicklung

Thomas Gander (Alle Beiträge sehen)

Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW

Key-Account-Manager

Marisa Gawron (Alle Beiträge sehen)

Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW

Wissenschaftliche Assistentin mit Schwerpunkt Selbstorganisation

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